Unser Lebensmodell ist ein Konstrukt. Ich nenne es gern Freiraum. Ein Gerüst zum drin klettern und toben. Allerdings nur, wenn wir uns nicht gerade in ein Korsett, eine Ritterrüstung, eine Raumkapsel oder ähnlich Abstruses gezwängt haben. Oder ist gerade das spannend? Anyway. Wir leben in einer von vielen möglichen Wahrheiten, unserer Wahrheit, unserem kleinen Bauwerk. Denn wir alle sind kreative Lebensarchitekten, die sich ihr einzigartiges Gerüst selbst konstruieren. 

Ich präsentiere: Die eierlegende Wollmilchbaukunst

Wenn du das Gefühl hast, dein eigenes Leben nicht selbst zu gestalten – dann läuft was falsch. Du hast bequemerweise das möglicherweise unbequeme Modell anderer Menschen übernommen. Das ist okay! Das tun wir zunächst alle. Aber überleg mal, ob dieses Modell dir tatsächlich wie angegossen passt und dir idealerweise auch genug Platz zum Atmen lässt. Mit genug Freiraum für individuelle Anpassungen. Wäre ein anderer Entwurf vielleicht passender? Einer, der dir Platz zum Spielen bietet? Du könntest auch verschiedene Modelle miteinander verklinken und daraus dein eigenes Werk zimmern.

Der amerikanische Schriftsteller Raymond Federman schrieb in den 1970er-Jahren, niemand könne in seinen Texten noch Neues erschaffen. Was allerdings möglich sei: mit existierenden Elementen zu spielen. Zu kopieren, zu wiederholen und zu imitieren, was das Zeug halte. Aber auch, diese Elemente neu zu kombinieren. Dafür prägte er den Begriff „Playgiarism“, zusammengesetzt aus Plagiat und „to play“. Das lässt sich hervorragend auf die „eierlegende Wollmilch-Baukunst“ übertragen: Nimm ein oder mehrere existente Lebensmodelle, mache sie zu deinem Element und: Fang an zu spielen. Simple as that. 

Alles schnuppe oder was?

Zoom: Mein eigenes Lebensmodell ging nie in Richtung Studieren, Karriere, Ehe, Kinder. All that Jazz. Das war mir alles schnuppe, irgendwie fehlten Vorbilder, die mit mir resoniert hätten. Bis aufs Studieren: Ich musste das tun, denn ohne Lernen aufgrund chronischer Neugier geht bei mir gar nix. Schulstart gleich Startschuss: Achtung, fertig und … lesen! Das resultierte in einer Buchhändlerlehre und einem Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft. Mein roter Faden zog sich weiter durch die Buchbranche, ich wechselte jeweils in Festanstellung vom Buchhandel über das Lektorat und den Vertrieb bis hin zum digitalen Marketing. Und dann war ich 41 Jahre alt, ohne mein Wohlfühlmodell gefunden zu haben. Das passende Konstrukt. Wusste nur (immerhin): Das klassische Karriere-Familie-Modell war nicht meins. What the fuck?

Die volle Breitseite Verantwortung

Das Ding war: Ich hatte nie die volle Breitseite Verantwortung für mich selbst übernommen. Ich flickte zwar immer wieder durchaus kreativ und motiviert an meinem Konstrukt herum, aber ohne langfristige Visionen, Pläne und Ziele zu verfolgen. Der Impuls von außen war vielleicht nicht stark genug oder ich ignorierte ihn. Bücher und Seminare zur Potenzialentfaltung drangen nur sporadisch in mein Bewusstsein vor. Mentor*innen und Ressourcen für einen selbstverantwortlichen Lebensremix? Lehrer*innen? Coaches? Motivierende Podcasts und YouTube Videos? Promotet in den Social Media? Fehlanzeige. An Reflexionsjunkieness meinerseits und Komfortzonen Challenges im Außen fehlte es nicht (Schulwechsel, Umzüge, Jobwechsel, Familiendramen), aber ich befand mich halt im falschen Bauplan, mit fremden Architekt*innen. Nicht mir selbst als Bauherrin. Dabei war Selbstverantwortung sicher nix Unerreichbares – selbst im wilden Ruhrgebiet. 

Die beste aller Welten

Vor etwa eineinhalb Jahren, zum ersten Mal in meinem Leben, legte ich mich bewusst auf ein neues Modell fest. Ein Konstrukt, das erstaunlichen Einfluss auf alle Lebensbereiche hat: die berufliche Selbstständigkeit. Dieses neue Gerüst brachte mehr Eigenverantwortung mit sich, und mehr Freiheit! Freiraum zum Spielen und Neu-Kombinieren. Love it. Für mich ist es die beste aller Welten. Ich sag nicht, dass dieses Modell für jede und jeden das richtige ist. Das Entscheidende war für mich vor allem, bewusst ein passendes Modell gewählt und gestaltet zu haben. Nachdem ich vorher, unbewusst, vorgelebte Modelle unreflektiert übernommen hatte.

Was dabei half: mein Bauchgefühl! Das Thema Selbstständigkeit kursierte schon länger in meinen Gehirnwindungen, aber viele rationale Gründe hielten mich vom Sprung aufs nahe liegende Lebensgerüst ab. Ich ignorierte meine Intuition. Und letztlich interpretiere ich alle Lebenssituationen, in denen ich mich nicht wohlfühlte, als rational gepushte Entscheidungen. Ich handelte gegen mein Bauchgefühl und aus dem mangelnden Bewusstsein für Eigenverantwortlichkeit heraus. Die Odyssee, die mich durch die Buchbranche führte, war schon okay – ich hab Einiges gelernt. Aber vielleicht hätte ich meine Reise schöner und bunter konstruieren können. Mit einem feineren Gespür für mein Bauchgegrummel und einem ausgeprägteren, weniger schicksalsergebenen Ausloten von Möglichkeiten. So war das alles. 

And now: Let the Plays begin

Deshalb lasst uns jetzt mit dem Kopieren und Imitieren, dem Remixen und Improvisieren starten. Wie ist gleich die passende Formel? Watson, ich kombiniere:

Freiraum = Eigenverantwortung + Nachhaltigkeit + Bauchgefühl

Weil es einfach Spaß macht, klug Dinge zu mixen, lege ich für meinen Freiraum noch ein dickes fettes Fundament an: bestehend aus Nachhaltigkeit. So kracht die Decke beim Spielen und Experimentieren garantiert nicht ein. Ich fange gerade erst an, die Dinge nachhaltig zu denken und zu praktizieren. Mein Blog wird also Grundlagenforschung betreiben. Join in!

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